Der Mann mit dem Golden Retriever

Zur Erinnerung an Ron Turecki

Wie so viele Geschichten beginnt unsere ganz unspektakulär. Es muss ein Herbsttag im Herbst 1991 gewesen sein. Da erhielt der damalige Präsident der Bonn Capitals abends nach Trainingsende den Anruf eines Spielers. Es entwickelte sich folgender Dialog: „ Chef, heute hat uns ein Ami beim Training zugesehen. Er war mit seinem Hund da und fragte, ob er mitspielen könnte?“ „ Wer – der Hund?“ „ Nein – der Ami“. Nix Genaues wusste er nicht außer einer Telefonnummer. 

Die Telefonnummer half mir, einen Kontakt mit Ron Turecki herzustellen. Er wohnte in Beuel, arbeitete als zweiter Mann im Vorstand bei Ford-Köln. Wir verabredeten uns zu einem Abendessen in einem guten Bonner Lokal. Ron erzählte, dass er rein zufällig am Baseballfeld vorbei gekommen sei, weil er wegen des schönen Abends einmal über die Brücke in die Rheinaue wollte. Dann sah er zu seinem Erstaunen junge Männer Baseball spielen. Für ihn sah es etwas holprig aus. Aber er spürte, die sind so bei der Sache, aus denen kann man was machen.

Dann erzählte er mir, dass er früher hochklassig selbst Baseball gespielt habe und diese Leidenschaft auch während seines beruflichen Aufstieges beharrlich pflegte. So hätte er gute Lust, es einmal als Coach bei den Bonn Capitals zu versuchen. Mir war klar, diese Chance gibt es nur einmal. Bar jeglicher Mittel hätten wir uns gar keinen Trainer leisten können. Und nun fiel uns ein Juwel in den Schoß.

Ron nahm seine Arbeit auf. Das Team marschierte 1992 mit 13 : 1 Punkten durch die Landesliga. Der Wiederaufstieg in die Verbandsliga war ungefährdet.

1993 fing man dort an, wo man 1992 aufhörte, nur halt eine Ebene höher. Das schockte aber keinen. Ron vermittelte ihnen mit seiner engagierten Ruhe, die sich aber auch mal in einem Vulkanausbruch entladen konnte, den Glauben als Team etwas zu vollbringen. Der Erfolg gab ihm recht. Mit 10 : 2 Siegen standen die Capitals vorzeitig als Sieger fest. Damit war die Qualifikation für das Aufstiegsturnier in die zweite Bundesliga erreicht. Damit waren zwei Aufstiegsplätze zu vergeben. Uns reichte einer. Ron gewann das Turnier souverän.

Das Turnier fand im Oktober 1993 in Speyer statt. Unvergesslich war meine Begegnung mit einem Auto-Navi. Ron kam mit seinem Ford am  Sportplatz an. Wir waren schon da. Damit wurde klar, wer der Chef im Ring war. Ich jedenfalls nicht, zumal nicht an einem solchen Tag. Seinen nagelneuen Ford bewundernd, fiel mir ein Gerät auf, das ich noch nie gesehen habe. Er erklärte mir die Funktionsweise des Gerätes. Ich gestehe, ich war schwer beeindruckt. 

Ebenso beeindruckt waren die mitgereisten Fans von der Leistung ihrer Mannschaft. Ungeschlagen stiegen wir in die zweite Bundesliga auf.

1994 spürten wir hautnah wie eitel Sonnenschein und furchtbare Katastrophen sich die Türklinke in die Hand geben konnten. Unsere 17-jährige Jungnationalspielerin verunglückte bei einem Autounfall nach dem Training tödlich. Das war ein Schock. Anderntags fanden wir uns auf dem Platz ein, heulten und trauerten. Ich hielt eine Rede, von der ich nichts mehr weiß. Die Bundesligamannschaft mit Ron Turecki schwor, die Saison für Esther zu spielen und zu kämpfen. Das hätte sie so gewollt. Und sie spielte und kämpfte. Mit 25 Siegen bei drei Niederlagen war die erste Bundesliga erreicht. Rons Popularität erreichte unerkannte Höhen.

Ein Zufall war auch behilflich. Das muss man ehrlich zugeben. In dieser Saison wurde der junge Dipl.Ing. Kent Miller von Detroit nach Köln versetzt. Ron Turecki motivierte ihn, wieder Baseball zu spielen, obwohl er einige Jahre ausgesetzt hat. Kent sollte in der Saison der beste ShortStop der Liga werden. Zu Trainingsbeginn bewies eine kleine Szene, wie klein die Welt ist. Spieler Mirko Heid trug während des Trainings einen Pullover aus seiner Zeit in der High School von Geneseo/Illinois (ca. 70 km westlich von Chicago). Kent fragte ihn, woher der Pullover sei. Mirko erklärte. Da stellte sich heraus, dass Kents Mutter Mirkos Schulsekretärin gewesen war.

Beim entscheidenden Spiel war Olaf Dreesen in Topform. Die Richrath Saints hatten keine Chance. Die Capitals hatten vorzeitig ihr Ziel erreicht. Nicht mit einer Bier- wohl aber mit einer Eiswasserdusche wurde Ron „getauft“. Der „Generalanzeiger“ titelte am nächsten Tag: „ Mirko Heid war mit seinem Schlag in die Bundesliga der Held des Tages“.

Unterdessen bauten wir für die Saison 1995 wieder ein Softballteam auf. Das war mit Schwierigkeiten verbunden. Mal war es den Damen zu kalt, mal zu warm, mal mussten sie mit Mutti einkaufen, mal wollten sie lieber ein Eis essen. Der Verschleiß an Trainern war höher als die Zahl der Männer einer mittelbegabten Filmschauspielerin. Dann trat eine entschlossene Dame eines Tages auf mich zu. Sie fordere vom Verein ein ebenso anspruchsvolles Training, wie es den Herren zuteil werden würde. Die Spielerinnen standen um mich herum und feixten verstohlen. Darauf erwiderte ich ebenso laut: „ Ich ernenne Sie hiermit zur allein verantwortlichen Bevollmächtigten des Vorsitzenden für die Belange der Softballmannschaft“. Die Dame schaute mich ebenso verständnislos wie fassungslos an, drehte sich um und trat ab. Die Dame habe ich nie mehr gesehen. Das Bohren harter Bretter war wohl nicht ihr Ding. Uli von Homeyer coachte die Mannschaft und schaffte sogar auf Anhieb den Aufstieg in die Verbandsliga.

1996 war die Traumreise mit Ron Turecki zu Ende. Er kehrte zu Ford nach Detroit zurück. Dort war er im Vorstand weltweit verantwortlich für das Ersatzteilgeschäft des Konzerns. Dennis Braun wurde als Trainer sein Nachfolger. 

Wir blieben in Kontakt, der allerdings immer längere Pausen erlebte. Ron starb im Juli 2019. Ich habe es erst ein Jahr später erfahren. Er wird aber denen in Erinnerung bleiben, die ihn kennen gelernt haben.

Siegbert Heid, 18.07.2020

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